Denkwürdige Kampagnen

Alles besondere Kampagnen, aber zwei sind doch darüber hinaus als eher ungewöhnlich in besonderer Erinnerung geblieben. Zum einen die Kampagne 1991, die wegen des Irak-Krieges auf Druck von außen in bundesweiter närrischer Enthaltsamkeit mündete, wobei unverhüllte Drohungen und Appelle an das Schamgefühl der Narren letztendlich keine andere Wahl zuließen. Mein Fazit im Protokoll des folgenden Jahres:

 

„Wenn die, uns zur Buße raten,

Geschäfte machen mit Granaten,

dann sagt der Narr hier ohne Häme:

Die Fastnacht braucht sich nicht zu schäme!“

 

Die Emotionalität der damaligen Diskussion und das heutige Wissen um die Sinnlosigkeit dieses Beschlusses macht diese Kampagne zur Besonderheit.

Zum anderen ist es die Kampagne des Jahres 1994, die unter dem Motto „Bezahlte Redner in de Bütt, gibt’s bei de Bohnebeitel nit“ für großen Wirbel in der Meenzer Fassenacht sorgte. Ein Motto, bewusst als Provokation gegen die „Wanderredner“ gewählt, die von den damaligen Bohnebeiteln – mit ihrem festen Aktivenstamm – mit selbstbewusster Distanz betrachtet wurden. Man war auf Tradition bedacht und bezahlt wurde kein Pfennig. Entsprechend drastisch die Feststellung im Protokoll:

 

„Bei uns gibt’s nur e Fläschje Wein,

das is vielleicht en Scheißverein“!

 

Diese Kampagne ist insofern denkwürdig, weil sie fast zu einem „Glaubenskrieg“ wurde, der seine Spuren bis heute hinterlässt, wobei allerdings die Zeit auch hier nivellierend einwirkt.

Nein, ein „Scheißverein“ waren die Bohnebeitel beileibe nicht, wie die 125jährige Erfolgsgeschichte nachdrücklich zeigt. Darum sollten wir die Erinnerung an die Vergangenheit bewahren, denn ohne sie gäbe es keine Gegenwart und damit auch keine Zukunft!

 

Dreimal Gründung gefeiert

1886

Irgendwann in jenem Jahr (es konnte nie genau festgemacht werden) kam es zur Geburtsstunde als „Mombacher Carneval Verein“. 1887 jedenfalls ist die Wahl eines Komitees im „Neuesten Anzeiger“ dokumentiert. Über 170 Mitglieder sollen zu diesem Zeitpunkt im Gasthaus „Goldener Engel“ bei den Sitzungen und Bällen des Vereins anwesend gewesen sein. Mombach steuerte in jener Zeit auf die Zahl von 5.000 Einwohnern hin – die Industrialisierung ließ den Ort schnell wachsen.

 

1925/26

Nach zwölfjähriger Unterbrechung darf in Mainz wieder Fastnacht gefeiert werden. Und im November 1926 wurde der Verein als „Mombacher Karnevalverein“ neugegründet. Niemand wusste damals etwas mehr von der bereits 1886 erfolgten Gründung.

1936

Der Mombacher Karnevalverein hat sich finanziell übernommen. Viele der anberaumten Maskenbälle finden nicht die gewünschte Besucher. Doch die georderten Musikkapellen müssen bezahlt werden.

1947

Wieder einmal unter dem Dach des Mombacher Gesangsvereins lebt die Narrenfreude auf – beteiligt: ehemalige Mitglieder vom Mombacher Karnevalverein.

1949

Dem Mombacher Gesangsverein wird der Fastnachtsaufwand zu groß, so dass es am 19. November zur dritten Gründung oder zweiten Wiedergründung als Carneval Verein Mumbacher Bohnebeitel kommt. Bohnebeitel ist eine Namensschöpfung des Vereinsmitgliedes und späteren legendären Mainzer Fassenachters Adolf Gottron. Eintrittspreis für eine Sitzung: 2,50 DM.

1954

Vom Vater des zurückgekehrten Kriegsgefangenen Vitus Freber erfährt der Verein, dass er bereits 1886 erstmals gegründet wurde. Beleg dafür ist ein entsprechendes Komitee-Bild.

1961

Der Verein heißt jetzt Mombacher Carneval-Verein 1886 e.V. – Die Bohnebeitel“. Bohnebeitel wurden übrigens die kleinen Säckchen aus Jute bezeichnet, mit denen Bohnen – in dem Material zusammengeknotet – von den Feldern Mombachs auf dem Kopf nach Hause getragen wurden.

1965

Erstmals treten die Bohnebeitel im Fernsehen auf. Gemeinsam mit der Mainzer Prinzengarde und dem Karneval-Club Kastel gestalten sie die erste Sitzung von „Mainz bleibt Mainz“, übertragen im Zweiten Deutschen Fernsehen als Pendant zu „Mainz, wie es singt und lacht“ in der ARD. Zuschauer: 10,5 Millionen.

1998

Der Südwestrundfunk überträgt seit diesem Zeitpunkt alljährlich die Bohnebeitel-Sitzung als Aufzeichnung in nahezu voller Länge. In der Regel schalten zwischen 1,5 und zwei Millionen Zuschauer die Sendung ein.