Am 11.11. um 11:11 Uhr wird in Mainz die fünfte Jahreszeit eingeläutet. Bei den Bohnebeitel in Mombach heißt das: Worschtobend. In diesem Jahr ist er gleich doppelt besonders, denn der Worschtobend wird 30 und der Verein feiert 140 Jahre seit seiner Gründung 1886.
Aber warum ausgerechnet der 11. November? Und warum gehört zum Auftakt eine Worscht? Die Antwort führt weit zurück, lange vor die erste Sitzung, ins bäuerliche Jahr und in den Kirchenkalender des Mittelalters.
Der letzte Festtag vor dem Fasten
Der 11. November ist der Tag des heiligen Martin, und der ist in Mainz nicht irgendein Heiliger. Martin ist der Schutzpatron der Stadt, ihm ist auch der Dom geweiht. Über viele Jahrhunderte war sein Tag weit mehr als ein Laternenfest für Kinder. Mit Martini begann eine vierzigtägige Fastenzeit vor Weihnachten, das sogenannte Martinsfasten. Der Advent war damals keine Zeit der Plätzchen, sondern eine Zeit des Verzichts.
Wer verzichten muss, feiert vorher noch einmal ordentlich. Genau diese Logik kennen wir von der Fastnacht im Februar: Am Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit vor Ostern, also wird davor gefeiert. Der 11.11. ist gewissermaßen die kleine Fastnacht vor der großen.
Auftakt, nicht Startschuss
Genau deshalb beginnt am 11.11. noch nicht die eigentliche Fastnacht. Der Tag markiert den Auftakt der Vorbereitungen: Die Aktiven schreiben ihre Vorträge, die Garden proben, die Sitzungen werden geplant. Advent und Weihnachtszeit bleiben in Mainz traditionell närrisch still. Die Saalfastnacht mit ihren Sitzungen beginnt erst im neuen Jahr, nach Dreikönig.
Dass der 11.11. überhaupt zum Datum der Narren wurde, ist jünger, als man denkt. 1823 legte in Köln das „Festordnende Comité“ diesen Tag als Beginn der Vorbereitungen für einen geregelten Karnevalszug fest. Die Mainzer, die 1838 nach Kölner Vorbild ihren Carneval-Verein gründeten, übernahmen den Gedanken.
Warum es eine Wurst ist
Um Martini endete das bäuerliche Arbeitsjahr. Die Ernte war eingebracht, die Weinlese vorbei. Jetzt wurde geschlachtet: Gänse und Schweine, die man nicht über den Winter füttern wollte. Daher kommt auch die Martinsgans.
Martini war zugleich Zahltag. Pacht und Zins wurden fällig, Knechte und Mägde bekamen ihren Lohn und wechselten oft die Stelle. Es gab also Fleisch, frische Wurst und etwas Geld in der Tasche. Das war der Stoff, aus dem Feste gemacht wurden.
Wenn die Bohnebeitel am 11.11. zum Worschtobend laden, steht das in einer langen Linie: Schlachtfest, Zahltag, letzte Feier vor dem Verzicht. Die Worscht auf dem Teller ist kein Zufall, sondern ein Stück Kalendergeschichte.
Die Elf und das Mainzer E-L-F
Die Elf gilt als Narrenzahl. Eine gängige Deutung: Die Elf gilt als Narrenzahl. Eine gängige Deutung: Sie überschreitet die zehn Gebote und erreicht die zwölf Apostel nicht. Sie liegt also immer ein bisschen daneben, und genau das macht sie närrisch. In der Fastnacht taucht sie erstmals 1842 auf. Der Kölner Karnevalsreformer Mathias Joseph De Noel deutete sie als „Eins neben Eins“, als Zeichen der Eintracht unter den Narren. Eindeutig belegen lässt sich ihr Ursprung bis heute nicht. Von ihr kommen der Elferrat, die Uhrzeiten mit x:11 und der Auftakt um 11:11 Uhr.
In Mainz erzählt man gern eine zweite Deutung. Von 1797 bis 1814 gehörte die Stadt zu Frankreich. Aus dieser Zeit sollen die drei Buchstaben E-L-F stammen: Egalité, Liberté, Fraternité, also Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit. Ob das historisch belegt ist oder eine spätere närrische Erfindung, darüber streiten die Gelehrten. Gut erzählt ist es auf jeden Fall, und es passt zur Mainzer Fastnacht, die immer auch politisch war und den Mächtigen den Spiegel vorhielt.
Vom Schlachtfest zur Castingshow
Die organisierte Vereinsfastnacht in Mainz begann 1838 mit der Gründung des Mainzer Carneval-Vereins. In den Jahrzehnten danach entstanden in den Stadtteilen eigene Vereine. 1886 kamen in Mombach die Bohnebeitel dazu. Kriege und Notzeiten haben das Vereinsleben mehrfach unterbrochen, doch der Verein hat immer wieder neu angefangen. Heute gehört er fest zur Mainzer Fastnacht, bis hinein in die Fernsehsitzungen des SWR.
Seit 30 Jahren steht der Worschtobend unter dem Motto „Wer will, der kann!“. Was einst als Plattform für Nachwuchstalente begann, ist längst eine feste Institution der Mainzer Fastnacht. Junge und neue Talente sammeln hier Bühnenerfahrung vor echtem Publikum und machen sich in der Fastnacht einen Namen. Zahlreiche bekannte Fastnachtsgrößen haben beim Worschtobend ihre ersten Schritte auf der Bühne gemacht, darunter Nick Benjamin, Begge Peder und Ramon Chormann. Man könnte sagen, es ist die Castingshow der Bohnebeitel, nur mit Worscht statt Jury-Pult.
Der Worschtobend findet am 11.11. um 18:11 Uhr in der MTV-Halle des Mombacher Turnvereins 1861 statt, Turnerstraße 31–33 in Mainz-Mombach. Der Abend ist öffentlich, und das Publikum ist in den letzten Jahren erfreulich gewachsen. Wer nicht dabei sein kann: Wir nehmen euch auf unseren Kanälen mit.
Am 11.11. geht's los
Stadtpatron Martin, Martinsfasten, Schlachtzeit, Zahltag und ein bisschen französische Revolution: Hinter dem 11.11. steckt mehr Geschichte, als man beim ersten Helau vermutet. Die Bohnebeitel tragen diese Tradition seit 1886 weiter, über Kriege und Notzeiten hinweg, in denen der Verein pausieren musste, und seit 30 Jahren geben sie am Worschtobend dem Nachwuchs eine Bühne. Denn die Fastnacht von morgen braucht die Nachwuchstalente von heute.
Folgt uns auf Facebook und Instagram. Ab dem 31.10. zählen wir die Tage bis zum Worschtobend, und am 11.11. seid ihr live dabei. Helau!